Paul Watzlawick ist tot
abgelegt im Archiv Unternehmer-Qualitäten am 08.04.07
O Mensch, wenn man sich total am Schreibtisch vergräbt, kriegt man aber auch gar nichts mehr mit. Erst, als ich gestern im Bett den neuen SPIEGEL las - die Printausgabe, wohlgemerkt, die ja als Wochenzeitung nun zwangsläufig nicht zu den Überbringern der aktuellsten Nachrichten gehört - erfuhr ich vom Tod Paul Watzlawicks.
Den ich sehr verehre. Der, wie ich finde, zu einer der klügsten und innovativsten Köpfe der Kommunikationswissenschaften, der Psychologie und der Philosophie gehörte. Und den ich immer gern gelesen habe, nicht zuletzt deshalb, weil er so schrieb, dass ich alles verstehen konnte ohne jedes dritte Wort nachzuschlagen oder jeden Satz viermal lesen zu müssen und dass ich lachen oder schmunzeln konnte beim Lesen. Von vielen Aha-Erlebnissen mal ganz abgesehen. Ich fand immer ausgesprochen schlüssig, was er so erklärte.
Irgendwie ein bisschen leeres Gefühl, von ihm jetzt in der Vergangenheit zu schreiben.
Selbst wer Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein nicht kennt, (übrigens: Unbedingt lesen - sehr zum Lachen und voller Weisheit. Danach fühlt sich das Leben irgendwie besser, handlebarer an, man wird gelassener) hat mit Sicherheit zumindest indirekt schon von ihm gehört und gesprochen:
Ständig zitiert man Watzlawick im Alltag.
Begriffe wie ""Feedback" oder "selffulfilling prophecy" (eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Sie erfüllt sich NUR deshalb, weil man das erwartet und so unbewusst darauf hinarbeitet) stammen von ihm und gehören inzwischen zur Alltagssprache.
Mit den Problemen, die sich in zwischenmenschlichen - und natürlich auch in geschäftlichen - Beziehungen ergeben, weil es Störungen bezüglich eines oder mehrerer seiner fünf Axiome zur menschlichen Kommunikation gibt, schlagen sich unzählige Mediatoren, Psychotherapeuten und ihre Klienten herum. Und viele Vertriebs-Coaches, die ihren munteren Akquise-Lehrlingen die Grundlagen von Verkaufsgesprächen vermitteln wollen.
Erstes Axiom (Metakommunikatives Axiom): In einer sozialen Situation kann man nicht nicht kommunizieren.
Alles, auch Schweigen und Stillsitzen drückt etwas aus und wird vom Kommunikationspartner verstanden (ob richtig oder falsch ist eine andere Frage).
Zweites Axiom: Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei Letzterer den Ersteren bestimmt.
Hier huppelt's z. B. oft zwischen Männern und Frauen, weil Frauen die Beziehungsebene stärker wahrnehmen und betonen, Männer die Sachebene. So reden die Kommunikationspartner oft aneinander vorbei.
Drittes Axiom: Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktionen der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt.
Das heißt nix anderes, als dass wir Menschen alle Dinge, auch Kommunikationsabläufe, gern in Kausalketten von Ursache - Wirkung/ Aktion - Reaktion zerlegen und daher gern denken: "Du hast angefangen" - dem Kommunikationspartner die Schuld an einer Auseinandersetzung zuweisen.
Laut Watzlawick verläuft aber menschliche Kommunikation kreisförmig, hat keinen echten Anfang und kein Ende. Die Frage, ob Huhn oder Ei hier zuerst da waren, ist hier also falsch gestellt.
Viertes Axiom: Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten.
Kommunikation geschieht längst nicht nur mit Worten (in der Regel digitale Kommunikation) sondern auch mit nonverbalen bzw. analog-verbalen Äußerungen (z. B. Lächeln, Wegblicken,...). Es gilt also, immer auf allen Kanälen wachsam und achtsam zu sein, wenn man erfolgreich kommunizieren will.
Fünftes Axiom: Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär.
Zwischenmenschliche Beziehungen basieren entweder auf Gleichheit oder auf Unterschiedlichkeit.
In komplementären Kommunikationsabläufen sollten sich unterschiedliche Verhaltensweisen gegenseitig (!) ergänzen, ohne dass ein zu starkes Machtgefälle (= Abhängigkeit, Fremdbestimmung) entsteht.
In symmetrischen Kommunikationsabläufen streben die Partner nach Gleichheit, nach Verminderung von Ungleichheiten.
Eine Kommunikation ist dann erfolgreich und für beide befriedigend, wenn sie sowohl symmetrische als auch komplementäre Anteile in ausgewogenem Verhältnis enthält.
Ach ja, was für ein kluger, weiser Mann. Ich bin richtig ein bisschen traurig, dass dieser große, so menschliche Denker nun tot ist.
Texte von Watzlawick im Internet

Permalink: Paul Watzlawick ist tot
Tags: Paul+Watzlawick Nachruf Philosoph Psychotherapeut Kommunikation Kommunikationswissenschaft Psychoana
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Kommentar von:
kerstin
(08.04.07 14:31 Uhr)
Ging mir genauso, als ich letzte Woche davon las. Watzlawick war in meinen Augen ein wirklich genialer Geist, der es verstand, auch sperrige und komplexe Gedankengänge anschaulich und mit viel Humor zu vermitteln. Seine Bücher waren während meines Psychologie-Studiums immer wieder ein Lichtblick inmitten von oft sehr dröger Fachliteratur.
Kommentar von:
Blog-abfertigung Nofollow
(10.04.07 15:53 Uhr)
Am besten gefällt mir von ihm die Story “Der Mann mit dem Hammerâ€! Zum Gedenken hab ich die noch mal auf meiner Seite zitiert!
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